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Nachruf auf Prof. Dr. Dietrich Harder

Am Sonntag dem 10.2.2019, einem Tag vor seinem 89. Geburtstag, hat Professor Dietrich Harder für immer die Augen geschlossen. Mit ihm ist ein großer Wissenschaftler der Strahlenforschung, Biophysik und Medizinischen Physik von uns gegangen. Er erfuhr in seinem Leben zahlreiche Ehrungen: Als langjährigem Mitglied der Strahlenschutzkommission und für zwei Jahre deren Vorsitzender erhielt er das Bundesverdienstkreuz am Bande. Er erhielt den Holthusen-Ring der Deutschen Röntgengesellschaft, die Boris-Rajewski-Medaille für seine Leistungen in der Biophysik, die Glocker-Medaille für seine hervorragenden Beiträge in der Medizinischen Physik, die Ehrenmedaille der Europäischen Gesellschaft für Medizinphysik (EFOMP), die Ehrennadel des Deutschen Instituts für Normung für seine jahrzehntelange Normungstätigkeit und die Hanns-Langendorff-Medaille für sein Engagement, wissenschaftliche Konzepte einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Er war Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Physik und Mitbegründer und erster Vorsitzender der Gesellschaft für Biologische Strahlenforschung sowie, im Jahr 1983, Co-Präsident des Weltkongresses für Medizinische Physik und Biophysik in Hamburg. Er war viele Jahre lang Kurator der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt, Braunschweig. In den letzten Jahren hat Dietrich Harder zudem enge Kontakte zu polnischen und weißrussischen Kollegen geknüpft und auch diesen seine tatkräftige und zielgerichtete wissenschaftliche Unterstützung zukommen lassen. Seine Tätigkeiten wurden mit der Ehrenmitgliedschaft in der Polnischen Gesellschaft für Medizinische Physik sowie mit der Timoféeff-Ressovsky-Medaille der Russischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften ausgezeichnet. Er war über Jahre hinweg hochverdientes Mitglied der International Commission on Radiation Units and Measurements (ICRU).

Geboren wurde Dietrich Harder am 11.2.1930 in Stettin; bei Kriegsende flüchtete er mit seiner Familie in den Westen Deutschlands. Er studierte an der Goethe-Universität Frankfurt Physik, Biophysik und Philosophie. Er promovierte 1957 zum Doktor phil. nat. mit einer Arbeit über Mikrostrahlexperimente mit Alpha-Teilchen sowie strahleninduzierte Reaktionskinetiken von Enzymsystemen bei Prof. Otto Hug am Max-Planck-Institut für Biophysik, dessen Direktor Boris Rajewsky war und aus dem viele Koryphäen der deutschen Strahlenforschung hervorgegangen sind. In der Folgezeit arbeitete Dietrich Harder dort weiterhin als wissenschaftlicher Assistent an einem 35 MeV-Betatron und war an der Entwicklung neuer Dosismessverfahren maßgeblich beteiligt. Die sich damals deutlich abzeichnende Anwendung ionisierender Strahlung zur Behandlung von Tumorpatienten und die dadurch bedingte enge Zusammenarbeit mit Radiologen weckte sein Interesse für die Medizinische Physik.

Im Jahre 1960 wechselte er an die Julius-Maximilians-Universität Würzburg zu Prof. Helmuth Kulenkampff, wo er an dessen Institut für Physik fortgesetzt an einem 35 MeV-Betatron arbeitete und insbesondere den Durchgang schneller Elektronen durch dicke Materieschichten untersuchte. Dort lernte Dietrich Harder auch die musikinteressierte Medizinstudentin Brigitte Pflügel kennen, die er 1962 heiratete. 1966 habilitierte er sich für das Fach Experimentelle Physik, 1972 wurde er zum außerplanmäßigen Professor ernannt, 1973 erhielt er einen Ruf auf den Lehrstuhl für Medizinische Physik und Biophysik an der Georg-August-Universität Göttingen, wo er ein viertel Jahrhundert lang als ordentlicher Professor und Institutsdirektor tätig war und herausragende wissenschaftliche Erfolge erzielte, national wie international. In dieser Zeit ist es ihm gelungen, interdisziplinäre Arbeitsgruppen aus Physikern, Biologen und Medizinern aufzubauen, in denen mit den wissenschaftlichen Mitarbeitern, mit Doktoranden der Physik, Medizin und Biologie sowie mit Diplomanden Forschungsarbeiten über den molekularen Mechanismus der strahleninduzierten Chromosomenaberrationen, die relative biologische Wirksamkeit von Röntgen-, Elektronen- und Neutronenstrahlungen sowie die klinische Dosimetrie und Bestrahlungsplanung bearbeitet worden sind. Die Funktion des Lehrstuhlinhabers und die damit verbundenen wissenschaftlichen Aufgaben nahm er bis 1999 wahr; seitdem gehörte er der Medizinischen Fakultät der Georg-August-Universität Göttingen als Emeritus an.

Ab 2001 war Dietrich Harder als enger Berater wesentlich am Aufbau der Abteilung für Medizinische Strahlenphysik und der Universitätsklinik für Medizinische Strahlenphysik an der Carl-von-Ossietzky-Universität und dem Pius Hospital Oldenburg beteiligt. Er hat bis unmittelbar vor seinem Rückzug von seinen wissenschaftlichen Aktivitäten noch Doktoranden betreut und geprüft.

Seine Verdienste um die Medizinische Physik und Biophysik lassen sich kaum in die wenigen Zeilen dieses Nachrufes fassen. Wissenschaftlich hat sich Dietrich Harder nicht zuletzt um die Wirkungsweise der ionisierenden Strahlung auf zellulärer Ebene verdient gemacht. Er hat wie kaum ein anderer die Dosimetrie und Mikrodosimetrie von Photonen- und Elektronenstrahlung in Röntgendiagnostik und Strahlentherapie geprägt. Das von uns allen so geschätzte und häufig verwendete gewebeäquivalente RW3-Plattenphantom wurde noch an seinem Institut in Göttingen entwickelt und dann bei uns in Oldenburg validiert. Darüber hinaus arbeitete Dietrich Harder auch auf dem Gebiet der Bildgebung und hat maßgeblich an Verbesserungen der Ultraschalldiagnostik und Bildverarbeitung mitgewirkt.

Parallel zur Forschung und Lehre erachtete Dietrich Harder immer auch die Gremien- und Kommissionsarbeit als eminent wichtig, weil er von der besonderen Verantwortung des Wissenschaftlers für unsere Gesellschaft überzeugt war. Seine besondere Verbundenheit galt aber der deutschen Normungsarbeit. Über 50 Jahre lang, bis zu seinem Ausscheiden im Jahr 2017, gehört er dem Normenausschuss Radiologie an, war für lange Zeit Obmann des AA1 und hat an jeder Norm, die im Bereich der Dosimetrie in der langen Zeit seines Engagements entstanden ist, sehr aktiv und voller Leidenschaft mitgewirkt. Es wurde häufig um jedes Wort gerungen, und über Nacht, auch nach dem einen oder anderen Glas Rotwein oder Bier, wurden häufig ganze Passagen um- und neuformuliert. Sein Markenzeichen war, dass er immer einen etwa 10 cm hohen Stapel an Papieren für die jeweilige Sitzung vor sich liegen hatte, in dem er bei Diskussionen und Argumentationen die gesuchten Passagen schneller gefunden hatte, als wir „Jungen“ dies mit den Suchfunktionen am Laptop schafften.

In der Rückschau wird deutlich, dass die Vita von Dietrich Harder zusätzlich von drei externen Ereignissen geprägt ist, die ihn massiv mit den gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen der Kerntechnik konfrontiert haben und ihm als Strahlenforscher aber auch besonders am Herzen lagen:

1. Im Jahr 1986 war das der Reaktorunfall in Tschernobyl. Wohl die gesamte Welt war auf ein solches Ereignis technisch wie mental nicht vorbereitet. Auf die berechtigten Ängste und Verunsicherungen der Bevölkerung gab es keine koordinierten Antworten. Glücklicherweise waren damals die richtigen Personen in unserer deutschen Strahlenschutzkommission, der auch Dietrich Harder angehörte. Er war damals einer der Experten, die sich fundiert und sachlich zu den Risiken geäußert haben, ohne sie hoch- oder runterzureden. Dies erlaubte es ihm, der Ungewissheit überzeugend zu begegnen und zusammen mit seinen SSK-Kollegen zielführende Maßnahmen vorzuschlagen. Für sein großartiges Engagement in dieser Zeit wurde er später mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

2. Einige Jahre später wurde er als Experte beauftragt, sich in die Diskussionen um die tragischen Fälle von Leukämieclustern in der Elbmarsch einzubringen. Auch hier ist er stets für die wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzung mit dem Thema eingetreten und musste sich mit vielen Halb-Wahrheiten, aber doppelt so lauten Aussagen auseinandersetzen. Ohne dass Dietrich Harder es ahnen konnte, fielen diese wissenschaftspolitischen Auseinandersetzungen in die Zeit, in der ich (Björn Poppe) zum ersten Mal von ihm hörte. Er musste als Experte in einem sehr komplizierten Teilthema live in einer Talkshow vermitteln. Mein Doktorvater, Teilnehmer der Runde, sagte uns bereits vorher, dass er froh sei, Dietrich Harder als Autorität dabei zu wissen, eine Autorität, die von allen Seiten respektiert wurde. Schon damals war ich dann bei der TV-Übertragung von seinen fundierten, sachlichen und dabei niemals kränkenden Kommentaren und Argumenten sehr beeindruckt. Dass er nur wenige Jahre später einmal mein wichtigster wissenschaftlicher Mentor sein würde, hätte ich wirklich niemals gedacht.

3. Neben der Normungstätigkeit von Dietrich Harder und der wissenschaftlichen Unterstützung von uns in Oldenburg, war in den „ersten Jahren“ des neuen Jahrtausends auch die Frage nach der bio-physikochemischen Wirksamkeit des radioaktiven Edelgases Radon bei Bäder-Kuren schmerzgeplagter Patienten in Bad Schlema, ebenso wie in Bad Gastein, ein Thema, dass ihm besonders am Herzen lag. Hier ging es insbesondere darum, die Krankenkassen davon zu überzeugen, diese Therapieform weiterhin zu akzeptieren, ein Ziel, dass er gemeinsam mit dem neu gegründeten Verein RADIZ, mit Sitz in Bad Schlema, dann auch erreichte. Damals war er immer sehr stolz darauf, dass er noch einmal Strahlenbiologie betreiben konnte und sich der Erklärung der Wirkungsweise der Radon-Therapie widmen durfte. 

Die Zusammenarbeit mit Oldenburg begann bereits in den 80er Jahren, als Dietrich Harder nach Messmöglichkeiten an Telekobaltgeräten und Linearbeschleunigern suchte und, aufgrund eines engen freundschaftlichen Kontaktes zu Antje Rühmann, diese in Oldenburg fand. In den darauf folgenden Jahren erlebten wir Oldenburger, wie so viele andere Kollegen, Dietrich Harders herausragenden experimentellen Fähigkeiten: Es wurden viele Tage, Abende und Nächte sowie ganze Wochenenden beim Messen verbracht. Dietrich Harder war immer aktiv dabei, machte nebenbei bereits die Auswertungen und stellte Theorien auf, die ebenso schnell wieder verworfen und modifiziert wurden, wenn die Ergebnisse nicht passten oder es erforderten. Nicht alle Versuche klappten auf Anhieb, aber es gab nichts, was nicht ausprobiert werden durfte. Bei diesen teils legendären Messabenden sind dann natürlich viele gemeinsame Geschichten und Erinnerungen entstanden.

Dietrich Harder kannte dabei aber keine Ungeduld oder zurechtweisenden Worte, er war immer hilfsbereit, schien unendlich viel Zeit zu haben, konnte sich in die kompliziertesten Sachverhalte hineindenken und hatte immer Freude am Tüfteln, Nachdenken und Erklären. Dabei hatte er eine sehr einfühlsame Art, die keinen bloßstellte und immer von großem Respekt dem Gegenüber geprägt war.

Er hat sehr früh das Internet und seine Vorteile für seine ihm eigene Arbeitsweise entdeckt. Viele von uns haben die Erfahrung gemacht, dass manche Messreihe, am späten Abend geduldig aufgenommen und noch in der Nacht abgesandt, am frühen Morgen des nächsten Tages bereits fertig auf Millimeter- oder halblogarithmischem Papier mit Bleistift ausgewertet, interpretiert und liebevoll eingescannt sowie mit Anregungen versehen im Posteingang lag.

Eine große persönliche Herausforderung nach seiner Pensionierung war für Dietrich Harder die Tatsache, dass sein Lehrstuhl nicht neu besetzt und sein Institut damit geschlossen wurde. Die Nicht-Neubesetzung seiner Stelle fiel damals allerdings in einen allgemeinen forschungspolitischen Trend, Lehrstühle für Medizinische Strahlenphysik und Strahlenbiologie in Deutschland auszudünnen. Am Ende ist es sicherlich zu großen Teilen seinem Engagement und der großen hochschulpolitischen Dynamik in Oldenburg zu verdanken, dass dieser Trend zumindest in Oldenburg umgedreht werden konnte. Im Jahre 2004 konnten wir Dietrich Harder nämlich als ‘‘Senior Advisor’’ für unsere junge Arbeitsgruppe Medizinische Strahlenphysik und die entsprechende Juniorprofessur an der Universität Oldenburg gewinnen. An dem Aufbau der Gruppe, der strategischen Ausrichtung in Richtung der Dosimetrie und schließlich auch an der verstetigten Stiftungsprofessur im Jahr 2010 durch das Pius-Hospital Oldenburg hatte er großen Anteil. Im Jahre 2012 wurde der Klinik für Strahlentherapie offiziell der Titel „Universitätsklinik für Medizinische Strahlenphysik“ verliehen. Hier arbeiten mittlerweile mehr als 40 Physiker, Mediziner, Ingenieure, Doktoranden und Studenten an aktuellen Themen und Herausforderungen der modernen Strahlenphysik und bis zum Winter 2017 war Dietrich Harder an vielen der Projekte maßgeblich beteiligt.  Letztendlich konnte so also doch noch für den Fortbestand einer Professur für Medizinische Strahlenphysik in Niedersachsen gesorgt werden. Wir hoffen sehr, dass ihm dies etwas über die Schließung seines Instituts hinweggeholfen hat. Mittlerweile wurden, wie wir alle wissen, neue Lehrstühle in Deutschland auf diesen Gebieten geschaffen, und zumindest die Medizinische Physik befindet sich wieder auf einem sehr guten Weg.

Eine ganz besondere Verbundenheit hatte Dietrich Harder mit der Zeitschrift  für Medizinische Physik, deren Gründungsmitglied er war. Mit sehr viel Stolz und Freude zeigte er immer wieder seine Visitenkarte, auf der seine Auszeichnung „Ehrenherausgeber“ vermerkt war. Solange es seine Kraft erlaubte, hat er an Redaktionssitzungen teilgenommen und somit das Gesicht der Zeitschrift maßgeblich mitgeprägt. Sein Markenzeichen für viele Jahre war, dass er zu jeder denkbaren Sitzung und Tagung Sonderdrucke der Zeitschrift für Medizinische Physik mitgebracht und diese liebevoll ausgelegt, drapiert und angepriesen hat. Es ist eine ganz besondere Begebenheit und sicherlich ganz in seinem Sinne, dass seine letzte wissenschaftliche Publikation kurz vor seinen Tod in der ersten Ausgabe der Zeitschrift für Medizinische Physik im Februar 2019, Tage vor seinem Tod, publiziert wurde (1).

Wir glauben nicht, dass wir es in diesem Nachruf schaffen konnten, allen Leistungen, Errungenschaften und Facetten von Dietrich Harders wissenschaftlichem Wirken gerecht zu werden. Wir möchten uns dafür entschuldigen, Fakten, Geschichten und Ereignisse, die hätten erzählt werden sollen, nicht erwähnt zu haben. Vielleicht können wir jedoch mit unseren Erfahrungen zumindest entsprechende Erinnerungen bei dem einen oder anderen Leser wachrufen. 

Ein bekannter Strahlenonkologe äußerte sich in diesen Tagen wie folgt ähnlich (Zitat): „Herr Harder war eine weit herausragende Persönlichkeit. Ich lernte ihn einstens durch meinen wissenschaftlichen Lehrer kennen. Immer wenn ich ihm begegnete, spürte ich seine Warmherzigkeit, seine interessierte, wache Offenheit gegenüber allem forschenden Denken. Vor meinem inneren Auge sehe ich ihn mit seinem freundlichen, klugen Lächeln.“

Er war für sehr viele von uns der freundschaftliche, väterliche - und Dank der großen Kraft, die ihm geschenkt wurde - auch großväterliche wissenschaftliche Mentor. Er wird ein großes Vorbild bleiben, an das wir voller Dankbarkeit zurückdenken werden.

Björn Poppe, Antje Rühmann und Dieter Regulla

1)    Delfs, B.,. Kapsch R. P, Chofor N., Looe H. K., Harder D., and Poppe B. 2019. A new reference-type ionization chamber with direction-independent response for use in small-field photon-beam dosimetry - An experimental and Monte Carlo study. Z Med Phys 29: 39-48.