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Die DGMP ist die deutsche wissenschaftliche Fachgesellschaft für Medizinische Physik.  Aufgaben und Ziele

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Nachruf Jürgen Rassow

Wir erinnern an Professor Dr. Jürgen Rassow, Gründungsmitglied und ehemaliger Vorsitzender der DGMP und ehemaliger Direktor des Instituts für Medizinische Strahlenphysik im Universitätsklinikum der Universität-Gesamthochschule Essen, der am 6. Dezember 2021 im Alter von 89 Jahren in Essen verstorben ist.

Jürgen Rassow war eine der prägenden Persönlichkeiten der Medizinischen Physik in Deutschland und ein Pionier unseres seinerzeit noch jungen Faches, zu dessen Etablierung und Anerkennung als eigenständige Wissenschaft er wesentliche Beiträge geleistet hat. Es war ein glücklicher Umstand, dass Jürgen Rassow dem kleinen Kreis von Gründungsmitgliedern angehörte, der zunächst 1968 den Fachverband, ein Jahr später umbenannt in Deutsche Gesellschaft für Medizinische Physik, als wissenschaftliche Heimat für alle in Hochschule, Krankenhaus, Industrie und anderen Einrichtungen tätigen Medizinphysiker auf den Weg brachte.

Am 26. September 1932 wurde Jürgen Karl Oskar Hermann Rassow in Breslau geboren, Nach der Flucht und Ortwechseln bestand Jürgen Rassow im Frühjahr 1950 in Stadthagen, Schaumburg/Lippe das Abitur und studierte ab dem Sommersemester 1950 an der Universität Münster Physik. Im März 1957 legte er die Prüfung als Diplom-Physiker ab und wurde im Dezember 1961 zum Dr. rer. nat. mit der Note „summa cum laude“ promoviert. In Fortsetzung der Thematik seiner Dissertation entwickelte Jürgen Rassow neue polarisations-optische Messverfahren und erhielt 1965 das Angebot, an der Strahlenklinik des Universitätsklinikum Essen eine Abteilung für klinische Strahlenphysik aufzubauen. Diese Abteilung mündete später in ein selbständiges Institut für Medizinische Strahlenphysik, das Herr Rassow bis zu seiner Emeritierung 1997 leitete. Jürgen Rassow wurde aufgrund seiner herausragenden wissenschaftlichen Arbeiten im November 1972 zum Wissenschaftlichen Rat und Professor durch die Landesregierung NRW ernannt. 

Seine zupackende, energische Art, seine klugen Ratschläge und nicht zuletzt seine Fähigkeit zu Kompromissen waren nicht nur in jener Geburtsphase der Gesellschaft für Medizinische Physik, sondern auch später in den manchmal durchaus hitzigen Diskussionen in Mitgliederversammlungen und Gremiensitzungen sehr hilfreich. Er verstand es immer wieder, durch Sachargumente und fundierte Kenntnisse zu überzeugen. Denn gerade in der Anfangszeit der DGMP gab es eine Reihe grundsätzlicher Fragen, etwa die Klärung der Fachbezeichnung „Medizinische Physik“, der mit dem beruflichen Status des Medizinphysikers verbundene Verantwortungs- und Aufgabenbereich oder die Vorschläge für Konzepte der Aus- und Weiterbildung. Energisch vertrat Jürgen Rassow – sicher stimuliert durch das kollegiale Umfeld des Essener Klinikums mit der engen Verbindung zu Strahlentherapie und Strahlenbiologie – den Aspekt einer Brückenfunktion des Medizinphysikers zu den Nachbardisziplinen. Für ihn, und vorgelebt von ihm, war abgewogenes Ausbalancieren von klinischer Dienstleistung, eigenständiger Forschung und Lehre die Herausforderung, der sich der Medizinphysiker in der Praxis zu stellen hat. In allen drei Kompetenzbereichen prägte Jürgen Rassow das Berufsbild des Medizinphysikers wie die Entwicklung der wissenschaftlichen Fachgesellschaft. In diesem Sinn setzte er 1974 als Tagungsvorsitzender der 5. Jahrestagung Akzente, vor allem aber während seiner Zeit als Vorsitzender der DGMP 1985/86.  Mit Akribie und dem ihm eigenen Sinn für Perfektionismus widmete er sich, anfangs mit einem eigens eingerichteten DGMP-Ausschuss, der Situation der Medizinphysiker in Deutschland. Auf der Basis von immer wieder aktualisierten Umfrageaktionen erstellte er eine umfassende Datensammlung, die höchst hilfreich bei allen Bemühungen der DGMP zur Festigung der Rolle und Verantwortung des Medizinphysikers bis hin zu den einschlägigen Regelungen in der Strahlenschutzgesetzgebung war.

In gewisser Weise als Glücksfall stellte sich für Jürgen Rassow die Neuinstallation einer der weltweit ersten 42-MV-Betatronanlagen im Essener Klinikum heraus, eine Herausforderung, die ganz wesentlich den wissenschaftlichen Weg von Jürgen Rassow beeinflusst hat. Unter seiner Obhut stand die Inbetriebnahme der Anlage, ihre klinische Implementierung sowie die Erforschung neuer strahlentherapeutischer Methoden. Mit der Anwendung hochenergetischer Photonen- und Elektronenstrahlung war die Untersuchung zahlreicher physikalischer und strahlenbiologischer Themen verbunden, insbesondere aber auch Fragen der Qualitätssicherung und des Strahlenschutzes.

Gleiches gilt für die Beschaffung eines Zyklotrons zur Strahlentherapie mit Neutronen (mittlerer Energie von 6 – 7 MeV), das im Institut für Medizinische Strahlenphysik installiert wurde und ausschließlich für Fragestellungen in der Medizin zur Verfügung stand. Hier galt es hinsichtlich der Strahlenqualität der Neutronen in noch stärker forderndem Maße vor allem Probleme der Dosimetrie in verschiedenen Dosisbereichen und der RBW-Werte zu erarbeiten. Jürgen Rassow leistete dieses in hervorragender Weise in Zusammenarbeit mit Strahlenbiologen des unmittelbar benachbarten Instituts für Medizinische Strahlenbiologie und den Strahlentherapeuten des Klinikums. Schließlich widmete Jürgen Rassow sich in starkem Maße der Bor-Neutroneneinfang-Therapie (BNCT) mit ihrer sehr komplexen Problematik der Dosimetrie für die Krebstherapie und setzte diese Aufgaben nach seiner Emeritierung fort.

So wurde Jürgen Rassow in diesen Feldern auch international zu einem gefragten Experten. Mit großem Engagement setzte er sich für die Entwicklung von technischen Standards beim Betrieb medizinischer Beschleunigeranlagen als Obmann im DIN-Arbeitsausschuss AA5 sowie als deutscher Vertreter in der International Electrotechnical Commission ein.

Jürgen Rassow war beseelt von der Gültigkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse und ihrer Umsetzung im täglichen Leben. So äußerte er sich zu den überzogenen Darstellungen der Risiken nach dem Tschernobyl-Unfall mit einem Taschenbuch: „Risiken der Kernenergie: Fakten und Zusammenhänge im Lichte des Tschernobyl-Unfalls“. Auch zu der Darstellung der COVID-19 Daten nahm er kritisch Stellung in einem Artikel „How to Reduce Misinterpretation of Quantitative Infection Risk by Assessment Parameters Associated with the COVID-19 Pandemic“, der drei Monate vor seinem Tod in einem internationalen Journal erschien.

Mit Dankbarkeit und Respekt blicken wir zurück auf die Lebensleistung von Jürgen Rassow, dem Mitbegründer der DGMP, dem geradlinigen Wissenschaftler, herausragenden Medizinphysiker, geschätzten Kollegen und Freund. Unser Mitgefühl ist bei seiner Frau Margarete, den Söhnen Jörn und Alexander, seiner Tochter Stefanie sowie seinen Enkeln.

Prof. Dr. Fridtjof Nüsslin,  Prof. Dr. Christian Streffer