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In Memoriam Prof. Dr. Wolfgang Schlegel

Professor Dr. Wolfgang Schlegel verstarb am 30.6.2022. Die DGMP hat damit einen ihrer bedeutendsten Medizin-Physiker verloren. Sein Einfluss auf die DGMP, das Gebiet der Medizinischen Physik und die gesamte Strahlentherapie-Landschaft auf internationaler Ebene wird bleiben.

Wolfgang Schlegel wurde am 24.2.1945 als Sohn einer Industriellenfamilie in der Nähe von Zwickau in Sachsen geboren. Nach der totalen Enteignung durch die kommunistische Regierung im Jahr 1948, bei der die Familie ihre Fabriken verlor und der Vater als Kapitalist verurteilt wurde, mussten die Schlegels flüchten. Wolfgang wuchs zum Teil bei seinen Großeltern, später als Grundschüler in Schlüchtern in Hessen, und danach in Oberndorf am Neckar in bescheidenen Verhältnissen auf. Sein Interesse für Physik und Mathematik wurde durch hervorragende Lehrer am Gymnasium in Rottweil geweckt, wo er 1964 das Abitur mit Auszeichnung abschloss.

Wolfgang Schlegel studierte Physik, zunächst an der Freien Universität Berlin und später an der Universität Heidelberg, wo er 1970 die Diplomprüfung ablegte. In Heidelberg legte er auch den Grundstein für seine wissenschaftliche Laufbahn. Von 1970 bis 1972 promovierte er mit einer Doktorarbeit am Max-Planck-Institut (MPI) für Kernphysik. Nach einer kurzen Anstellung als Postdoc am MPI suchte er nach Möglichkeiten, seine als Physiker erworbenen Fähigkeiten auf direktere Weise den Menschen zugute kommen zu lassen. Diese Möglichkeiten ergaben sich an dem noch jungen Institut für Nuklearmedizin des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg, wo er 1973 eine Anstellung als wissenschaftlicher Mitarbeiter fand.

Der Forschungsschwerpunkt des Instituts für Nuklearmedizin lag damals hauptsächlich auf der diagnostischen Bildgebung, wo in rascher Folge Durchbrüche mit der Computertomografie, der Magnetresonanztomografie und der Positronen-Emissionstomografie erzielt wurden. Wolfgang Schlegel erkannte, dass die verbesserte diagnostische Bildgebung nur dann einen Nutzen für die Krebspatientinnen und -patienten bringt, wenn sie auch zu verbesserten Therapieoptionen führt. So verlagerte er seinen Arbeitsschwerpunkt ganz auf die Strahlentherapie. Hier brachte er im Laufe der folgenden vier Jahrzehnte zusammen mit seiner Arbeitsgruppe und seit 1994 in seiner neu gegründeten Abteilung „Medizinische Physik in der Strahlentherapie“ am DKFZ eine Reihe von Innovationen hervor, die Millionen von Patientinnen und Patienten zugutekamen. Akademisch war Wolfgang Schlegel an der Medizinischen Fakultät Heidelberg der Universität Heidelberg affiliiert, wo er 1987 habilitierte und 1991 zum Professor ernannt wurde. Seit 2002 war er auch an der physikalischen Fakultät kooptiert und betreute dort Diplom- und Doktorarbeiten.

Eine der tiefen Einsichten von Wolfgang Schlegel bestand darin, die Strahlentherapie als eine Kette zu verstehen, bei der der Erfolg nur dann gewährleistet ist, wenn alle Kettenglieder wie Bildgebung, Therapieplanung, Positionierung/Immobilisierung, Bestrahlung, und Qualitätssicherung, gleichermaßen stabil sind. Er hat Pionierarbeit auf all diesen Teilgebieten der Strahlentherapie geleistet. Dabei hat er immer die Lösung echter klinischer Probleme angestrebt und den engen Schulterschluss mit Kolleginnen und Kollegen aus der Medizin und der Industrie gesucht. Besonders hervorzuheben sind seine Arbeiten zur stereotaktisch geführten Strahlentherapie und zur computer-basierten dreidimensionalen und intensitätsmodulierten Strahlentherapieplanung. Die unter Wolfgang Schlegel entwickelten Planungssysteme Voxelplan, Tomas, Virtuos und Konrad kamen weltweit zum Einsatz und die hier verwendeten Konzepte und Ideen sind von kommerziellen Firmen aufgegriffen und vermarktet worden. Nicht minder wichtig sind die mit der an seiner Abteilung angegliederten mechanischen Werkstatt entwickelten Multileaf Kollimatoren (MLC) zur Strahlformung. Hier wurde Neuland durch die Entwicklung von doppelt fokussierten MLCs, hochauflösenden micro MLCs, Iriskollimatoren und smarten Motorsteuerungen betreten.

Zu den zahlreichen Preisen und Ehrungen von Wolfgang Schlegel gehören der Karl-Heinz Beckurts Preis für Technologie Transfer (1996), die Nominierung für den Deutschen Zukunftspreis (2001), der Krebspreis der Deutschen Krebsstiftung (2003), die Glocker-Medaille der DGMP (2009), der Wissenschaftspreis der Fraunhofer Gesellschaft (2016), die Röntgen-Plakette der Stadt Remscheid (2021), sowie Ehrenmitgliedschaften in vier wissenschaftlichen Gesellschaften.

Ein besonderes Talent hatte Wolfgang Schlegel in der Lehre. Er konnte komplexe Sachverhalte auf das Wesentliche reduzieren und auf der genau richtigen Ebene verständlich darstellen, sei es vor Schulklassen, im Uni-Hörsaal, in Wissenschaftssendungen im Fernsehen oder vor Forschungsministern und Ministerinnen. Er hatte für alles anschauliche einprägsame Beispiele parat. Wolfgang Schlegel war damit auch in der Öffentlichkeitsarbeit außerordentlich gefragt. Wann immer Besuchergruppen durch das DKFZ geführt wurden, wurde die Strahlentherapie angesteuert, weil hier im Gegensatz zur Forschung im Reagenzglas die Dinge anschaulich gezeigt und erklärt wurden. Auf dem DKFZ-Stand auf der Hannover Messe gehörten die Multileaf Kollimatoren und andere Strahlentherapie Exponate zu den Hauptattraktionen. Es war Wolfgang Schlegel ein Anliegen, die Medizinische Physik als Lehrfach besser zu etablieren und zu verbreiten. Es gelang ihm in der Tat, den Einfluss der „Schlegel-Schule“ bis weit über die Heidelberger Grenzen auszuweiten.  Als Präsident der European Federation of Associations in Medical Physics (EFOMP) wirkte er auf europäischer Ebene. Er leistete Pionierarbeit bei der Gründung des online Studiengangs „Advanced Physical Methods in Radiotherapy“, der 2010/2011 an der Universität Heidelberg startete. Und er war Studiengangsleiter im Double-Degree Masterstudiengang „Clinical Medical Physics“ der Universität Heidelberg und der Pontificia Universidad Católica de Chile in Santiago de Chile. Der Kontakt nach Chile war sehr eng. Hier hat er in fast 20 Jahren mit Sommerschulen und Workshops in Medizinischer Physik dazu beigetragen dieses Fachgebiet dort zu etablieren. Er hatte eine wirkliche Freude am Erklären. Noch vor 3 Jahren hielt er einen Vortrag über die Nützlichkeit von Strahlung an der „Kinder-Uni“ am Gymnasium in Rottweil, wo er 1964 das Abitur ablegte. Bis wenige Wochen vor seinem Tod arbeitete er mit Unterstützung seiner Kinder an einem neuen Buch über „Strahlenphysik leicht gemacht“.

Bei seinem enorm hohen Ansehen ist es bemerkenswert, dass Wolfgang Schlegel als Person eher zurückhaltend und bescheiden war. Er stellte seine Person immer weit hinter den Dienst an der „Sache“. Im Gespräch tat er sich nicht hervor, sondern hörte ruhig zu, um dann die Dinge durch eine oft humorvolle Bemerkung genau auf den Punkt zu bringen. Viele von uns schätzten es besonders, dass er allen auf Augenhöhe begegnete, er agierte niemals von oben herab.  Durch sein großes Interesse an Menschen und sein tiefes Einfühlungsvermögen, gepaart mit einem enormen Wissen und tiefem Verständnis der Sache, konnte er Studenten und Mitarbeiter optimal individuell anleiten, was ihn zu einem äußerst beliebten und erfolgreichen Mentor machte. Er hatte großes Vertrauen in seine Studentinnen und Mitarbeiterinnen, und überließ ihnen gern eigenverantwortlich größere Aufgaben, durch welche sie sich beweisen konnten. Er „dirigierte“ seine Abteilung sozusagen mit dem kleinen Finger. Im Lauf der Jahre gingen aus seiner Abteilung 5 Habilitationen, 118 Promotionen und 146 Master/Diplomarbeiten hervor, die alle in beachtlichen wissenschaftlichen und anderen beruflichen Laufbahnen mündeten. Dies wurde in eindrucksvolle Weise bei den in regelmäßigen Abstand stattfindenden Career Days am DKFZ deutlich. Wolfgang Schlegels große menschliche Qualitäten hatten wohl einen wesentlichen Anteil an dem Erfolg seiner Schülerinnen und Schüler.

Bei aller Sorge und Fürsorge für seine Abteilung und seine wissenschaftliche Familie hatte für Wolfgang Schlegel seine eigene Familie immer die oberste Priorität. Mit seinen drei Kindern aus erster Ehe und den Kindern seiner zweiten Ehefrau Irmela hatten die Schlegels 5 Kinder und 11 Enkelkinder. In den letzten Jahren war Wolfgang Schlegel ein hingebungsvoller „hauptamtlicher Opa“.

Wolfgang Schlegels lebenslanger Kampf gegen den Krebs nahm eine neue Dimension an, als bei ihm selbst im Mai 2017 eine besonders aggressive Form dieser Krankheit diagnostiziert wurde. War er für viele von uns ein großes Vorbild als Physiker und Krebsforscher, so wurde er zu einem noch größeren Vorbild durch seinen persönlichen Kampf und offenen Umgang mit der Krankheit. Als Patient hat er die Anwendung der von ihm entwickelten Behandlungs-Techniken direkt erfahren. Er überlebte nach der Diagnose dreimal so lange wie es nach der Statistik zu erwarten war.

Wir werden Wolfgang Schlegel als Mensch nicht vergessen.  Sein Einfluss auf die Medizinische Physik und die Strahlentherapie wird bleiben.

Thomas Bortfeld
(Mit Unterstützung von Stephanie Diemer (Wolfgang Schlegels älteste Tochter), Irmela Ebers-Schlegel, Simone Barthold-Beß, Marcel Schäfer und Oliver Jäkel)